Autor: Sebastian Schafer, Redaktion grünlinks

Die Schweiz hat kein Talent dafür, aus ihrer Geschichte zu lernen. Nicht einmal kulturelle Vermächtnisse wie der Film «Die Schweizermacher» oder das bekannte Lied «Tschau, tschau Svizzera» des Liedermachers André Stürzinger haben es vermocht, die immergleichen fremdenfeindlichen Reflexe auszutreiben. Was für Italiener*innen in den 70er-Jahren galt, gilt heute für geflüchtete Menschen aus zahlreichen anderen Ländern: Die Schweiz will Arbeitskräfte, aber keine Menschen.

Szene aus dem Film «Lo stagionale» (1971) des Filmemachers und Saisonniers Alvaro Bizzarri. © Schweizerisches Sozialarchiv.

Die Initiative für eine 10 Millionen Schweiz der SVP bewirtschaftet, getreu der Tradition der Schwarzenbach-Initiative, stumpfe Ängste. Um zu verstehen, welche Folgen die Initiative tatsächlich hätte, lohnt sich deshalb auch ein Blick in die Vergangenheit.

Ab 1934 galt in der Schweiz das Saisonnier-Statut. Es begrenzte die Einwanderung von Arbeitskräften und betraf in erster Linie die italienischen Gastarbeiter*innen der 70er-Jahre. Ihre Arbeitskraft war dringend benötigt, der Familiennachzug jedoch explizit verboten, und die Arbeiter*innen durften nur in der Schweiz ansässig bleiben, solange sie eine Anstellung vorweisen konnten. Bei Kündigung folgte die sofortige Abschiebung. Schlimmer noch: Das Verbot des Familiennachzugs führte dazu, dass Arbeiter*innen ihre Kinder entweder in Italien zurücklassen mussten oder sie zwar in die Schweiz schmuggelten, jedoch zuhause verstecken mussten – eingeschlossen in ihre Wohnungen, immer in Angst, entdeckt und ausgeschafft zu werden.

Das Saisonnierstatut wurde 2002 abgeschafft. Nun droht sich die Geschichte zu wiederholen. Die Chaos-Initiative fordert, wie damals das Saisonnierstatut, den Familiennachzug strikt zu begrenzen. Die Folgen wären, dass Migrant*innen als billige Arbeitskräfte zwar toleriert wären, jedoch ihre Kinder in ihrer Heimat zurücklassen müssten – oder sie vor den Behörden verstecken. Darum braucht es ein starkes Nein am 14. Juni 2026.