Interview: Bettina Dauwalder, Redaktion grünlinks

grünlinks Aline, Anfang Juni wurdest du als Regierungsrätin vereidigt und deine zweite Session steht vor der Tür. Wie geht es dir?

Aline Trede Ich erlebe ein Wechselbad der Gefühle. Da ist die Freude am Neuen: Was für eine Chance, mitten im Leben wieder so viel lernen zu können! Ich muss mich in sehr viele Themen einarbeiten und in den zwölf Ämtern, die zur Direktion gehören, wird sehr juristisch gearbeitet. Das ist neu für mich und durchaus herausfordernd. Aber ich kann sagen: Diese Direktion mit ihrer Vielfältigkeit, die passt zu mir!

grünlinks Du hast sicher auch kompetentes Personal, das dich unterstützt.

Aline Trede Ja, ich habe eine Direktion übernommen, die sehr gut organisiert ist. Die Mitarbeiter:innen sind überaus qualifiziert und motiviert. Es gibt viel zu tun und die Erwartung von aussen ist, dass alles immer noch schneller erledigt wird. Wir sind finanziell und politisch unter Druck. Da freut es mich besonders, dass ich mich auf meine Mitarbeiter*innen verlassen kann.

grünlinks Was ist der grösste Unterschied zu deiner Tätigkeit im Nationalrat?

Aline Trede Fast nichts ist wie vorher! Als Parlamentarierin konnte ich meine Meinung offen sagen und Ideen lancieren, auch wenn sie utopisch waren. Als Regierungsrätin ist das anders. Die Erwartungen sind hoch, und gleichzeitig trage ich sehr viel Verantwortung. Das löst Druck aus, denn mir ist wichtig, diese Erwartungen zu erfüllen. Gleichzeitig habe ich sehr viel Gestaltungsmöglichkeiten. Ich kann helfen, Lösungen zu finden. Und es ist entscheidend, dass wir Lösungen finden!

grünlinks Du hast gehofft, dass dein Berufsleben besser planbar sein wird. Stimmt das jetzt?

Aline Trede (lacht) Sagen wir mal so: Es ist verplanbarer als vorher! Im Ernst: Es wird viel mehr im Voraus geplant. Jeden Mittwoch finden die Regierungssitzungen statt und schon nur dafür gibt es viele festgelegten Fristen, zum Beispiel für Mitberichte. Im Moment bin ich noch viel unterwegs, um alles kennenzulernen: Die zwölf Ämter, die 334 Gemeinden, Verbände und Organisationen. Zum Glück führt meine Assistentin meine Agenda!

grünlinks Die Direktion für Inneres und Justiz* (DIJ) ist bei der Bevölkerung weniger bekannt. Du bist Direktorin für Raum, Gemeinden, Familie, Recht und Religion. Wo hast du die grössten Gestaltungsmöglichkeiten?

Aline Trede Es gibt in jedem Bereich Gestaltungsmöglichkeiten, sie richten sich nach dem rechtlichen Rahmen und den politischen Mehrheiten. Bald gehen wir mit einem Bericht zu den Kirchensteuern von Unternehmen in den Grossen Rat. Im Winter kommen wir mit einer Lösung für herrenlose Grundstücke. Und wir sind dabei, die Verbilligung der Krankenkassenprämien neu aufzugleisen. Viel Spielraum habe ich in der Art und Weise, wie ich gestalte. In der Direktion wollen wir klar auf Dialog setzen. Nehmen wir das Amt für Gemeinden und Raumplanung: Rund 40 Prozent aller Geschäfte der Direktion betreffen dieses Amt. Das bedingt eine sehr enge Zusammenarbeit aller Beteiligten. Mir ist aber wichtig: Trotz des gesetzlichen Korsetts sollte etwas Kreativität Platz haben!

Das gilt auch für die Regierung. Es hat keinen Sinn, Gräben zu verteidigen. Im Gegenteil, wir kommen nur vorwärts, wenn wir sie überwinden.

grünlinks Du hast dich als Umweltwissenschafterin von jeher sehr für Umweltanliegen eingesetzt. Gibt es dafür in deiner Direktion Platz?

Aline Trede Ja, sicher! In der DIJ kann man eine klimafreundliche Raumplanung machen. Auch das Amt für Geoinformation erhebt wichtige Daten, ohne die können wir keine gute Planung vorantreiben. Die Hitze in diesem Sommer hat aber praktisch alle Regierungsrät:innen beschäftigt: Heisse Schulzimmer, sterbende Fische, Wassertransport auf die Alpen – die Klimakrise stellt alle Direktionen vor grosse Herausforderungen.

grünlinks Als Regierungsrätin läufst du Gefahr, nur noch anderen Regierungsmitgliedern, Parlamentarier:innen und Behörden zu begegnen! Dir ist aber der Austausch mit Menschen aller Art wichtig. Wie willst du diesen Kontakt nicht verlieren?

Aline Trede Da habe ich keine Bedenken: In meiner Direktion habe ich sehr viele Möglichkeiten, mit der Bevölkerung in Kontakt zu treten, zuletzt beispielsweise am Kantonalbernischen Schwingfest oder am Marché-Concours in Saignelégier. Kürzlich war ich in der Berner Matte bei der Schweizer Tafel. Ein super Projekt gegen Foodwaste! Ich war auch an der Infoveranstaltung Froumholz in Muri, wo es einen Platz für Jenische, Sinti*zze und Rom*nja mit fahrender Lebensweise geben soll. Mir sind diese Kontakte wichtig und ich bin froh, bietet sich gerade in dieser Direktion immer wieder die Möglichkeit für Gespräche mit Menschen aus dem ganzen Kanton.